japanische Musik.

japanische Musik.
japanische Musik.
 
In Japan existiert neben der heute dominierenden europäischen Musik noch immer eine eigene musikalische Tradition, die durch monophone Melodien ohne harmonische Begleitung und einen hoch differenzierten Einsatz von Mikrotönen, Klangfarben und freien Rhythmen gekennzeichnet ist. Japanische Musik ist primär eine Einheit von Musik, Wort und Tanz. Sie umfasst aber auch reine Instrumentalmusik und hat den größten Formenreichtum auf dem Gebiet der Vokalmusik entwickelt.
 
Erste Periode (bis Ende 6. Jahrhundert):
 
Archäologisch dokumentiert sind steinerne Kugelflöten und Bronzeglocken. Tonfiguren aus Hügelgräbern zeigen Tänzer, Zitherspieler und Trommler. Schriftliche Quellen des frühen 8. Jahrhunderts belegen ferner Bambusflöten und einen größeren Liederschatz. Auch Maultrommel und epischer Gesang der rezenten Kultur der Ainu gelten als Zeugen der ältesten Periode.
 
Zweite Periode (7.-10. Jahrhundert):
 
Zusammen mit dem Buddhismus kam in mehreren Wellen chinesische, koreanische, indische, zentralasiatische u. a. Musik nach Japan. Die 75 erhaltenen Instrumente im Shōsōin, dem Schatzhaus des Kaisers Shōmu (✝ 756) in Nara, zeugen noch von dem internationalen Musikstil der Zeit, in der sich die Gagaku entwickelte, die vom Jahre 701 an dem kaiserlichen Musikamt unterstand. Die allmählich unüberschaubare Vielfalt an Stilen wurde im 9. Jahrhundert neu in zwei Hauptrichtungen gegliedert: die »Rechtsmusik« Komagaku aus den alten koreanischen Reichen und die »Linksmusik« Tōgaku aus China und den anderen asiatischen Ländern, die bereits die chinesische Musik beeinflusst hatten. Die Gagaku-Arrangements von profaner Vokalmusik (Saibara-rōei) und von Zeremonialmusik des Shintōkults (Kagura u. a.) sind als Weiterentwicklungen autochthoner Traditionen nur zum Teil in dieses System integriert.
 
Dritte Periode (11.-16. Jahrhundert):
 
Außerhalb des höfischen Bereichs wurden im Schutz der Klöster und unter der Schirmherrschaft des Schwertadels weitere Elemente der importierten Musik kultiviert. Der auf der indischen Hymnik beruhende buddhistische Gesang (Shōmyō) wurde zu neuen, spezifisch japanischen Hymnen (Wasan, Goeika) umgeformt. Dem buddhistischen Bereich verpflichtet ist auch die außerhöfische Variante der Biwa, die am Aufschwung der epischen Gesangstechnik und damit der großen Kriegshistorien in dieser Periode Anteil hat. Das Instrument wirkt als Vorläufer der beiden südjapanischen Formen Satsuma-biwa und Chikusen-biwa bis in die Gegenwart nach. Heute noch unverändert lebendig ist das Nō-Spiel (). Mit seinen zwei Sanduhrtrommeln (Ōtsusumi, Kotsusumi), Rahmentrommel (Tai-ko) und Querflöte (Nōkan) spiegelt es die Tradition ländlichen Instrumentalensembles wider, der Gesangsstil ist buddhistisch beeinflusst.
 
Vierte Periode (17. bis Mitte 19. Jahrhundert):
 
Die Mitte des 16. Jahrhunderts von den Ryūkyūinseln eingeführte dreisaitige Spießlaute Shamisen entwickelte sich zum Charakteristikum einer neuen, bürgerlichen Musikkultur. Sie führte in der Gesangstradition zur Entstehung zahlreicher epischer wie lyrischer Stilrichtungen. Auch die Rezitationskunst (Jōruri) der Erzähler des Puppenspiels gelangte erst in der Verbindung mit der Shamisen als Gidayūbushi zur Vollendung. Darüber hinaus trug die Shamisen zur Entstehung der berühmten Kabuki-Tanzlieder mit ihren ausgedehnten instrumentalen Zwischenspielen (Nagauta) bei. Der typischen Shamisenmusik, festen Arrangements aus mehreren kurzen Liedern (Kumiuta), ist auch die neue Kotomusik verpflichtet. Dabei handelt es sich um reine Instrumentalstücke (Danmono beziehungsweise Shirabemono) für Koto allein oder um instrumental begleitete Lieder (Jiuta) mit selbstständigen instrumentalen Zwischenspielen (Tegoto), die meist im Trio aus Koto, Shamisen und einer leicht gebogenen Längsflöte (Shakuhachi) gespielt werden. Diese Kotomusik wird heute von den Schulen Ikuta, Yamada, Joshisawa u. a. gepflegt. Die Kunst der Shakuhachi, einst durch wandernde Mönche der Fukeschule verbreitet, tradieren die Schulen Kinko und Tozan.
 
Fünfte Periode (ab Mitte 19. Jahrhundert):
 
Mit der Öffnung Japans für westliche Einflüsse verlor die traditionelle Musik an Bedeutung. Die heutigen Überreste sind verschiedenen Alters. Diese Tatsache ist v. a. dem japanischen Traditionsprinzip zu verdanken, das den Schüler genau auf das Vorbild des Lehrers festlegt, was zur Folge hat, dass sich Neuerungen nicht innerhalb einer Tradition durchsetzen können, sondern zur Gründung anderer Schulen führen. Die moderne japanische Musik greift jedoch oft auf japanisch-asiatische Formen zurück, die wiederum zum Teil die moderne westliche Musik beeinflussen. Bestrebungen zeitgenössischer japanischer Komponisten, westliche Kompositionsweisen mit asiatischen Klangvorstellungen zu verbinden, finden sich in den Werken von Maki Ishii (* 1936), der u. a. bei B. Blacher studierte, sowie bei Fujieda Mamoru (* 1955), der seine Ausbildung u. a. bei M. Feldman in den USA erhielt. Mit experimenteller Musik beschäftigen sich - neben den bereits genannten Komponisten - u. a. Toshiro Mayuzumi (* 1929), Toru Takemitsu (* 1930), Toshi Ichiyanagi (* 1933) und Yūji Takahashi (* 1938). An der asiatischen Musikkultur orientiert sich Akira Nishimura (* 1958), der als Vertreter einer asiatischen Avantgarde gilt.
 
 
F. T. Piggott: The music and musical instruments of Japan (London 21909, Nachdr. New York 1971);
 K. Sunaga: Japanese music (a. d. Jap., Tokio 1936);
 H. Eckardt: Das Kokonchomonshû des Tachibana Narisue als musikgeschichtl. Quelle (1956);
 W. P. Malm: A bibliography of Japanese magazines and music. In: Ethnomusicology, Jg. 3 (Middletown, Conn., 1959);
 W. P. Malm: Japanese music and musical instruments (Tokio 1959);
 W. P. Malm: Naganta. The heart of Kabuki music (Neuausg. Westport, Conn., 1976);
 H. Tanabe: Japanese music (Tokio 31960);
 
Musikleben in Japan in Gesch. u. Gegenwart. Berichte, Statistiken, Anschriften, hg. v. S. Borris (1967);
 E. Harich-Schneider: A history of Japanese music (London 1973);
 W. Giesen: Zur Gesch. des buddhist. Ritualgesangs in Japan (1977);
 I. Fritsch: Die Solo Honkyoku der Tozan-Schule (1979);
 Y. Matsuyama: Studien zur Nô-Musik (1980);
 S. Kishibe: The traditional music of Japan (Neuausg. Tokio 21982);
 A. Gutzwiller: Die Shakuhachi der Kinko-Schule (1983).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Gagaku und Bugaku: Höfische Musik und höfischer Tanz
 

Universal-Lexikon. 2012.

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